Mit unserem Beitragsformat „Nachgefragt: Fünf Fragen an…“ adressieren wir in einem schlanken Format aktuelle Themen und Diskussionen. In unserem dritten Beitrag haben wir anlässlich unserer Themenwoche „Gamification, Serious Games & eSports: Unternehmen spielerisch digitalisieren?!“ mit Dr. Stefan Böhme, Mitgründer der BeSu.Solutions GmbH aus Braunschweig, über die Potenziale von aktiven, spielerischen Lernformaten, wie z.B. dem klassischen Planspiel oder dem eigens entwickelten Ansatz der Game-Based Innovation, gesprochen. Die BeSu.Solutions GmbH ist ein Braunschweiger Start-up, welches innovative Lehr-Lernformate und Konzepte für die Weiterbildung entwickelt.

Herr Dr. Böhme, was genau macht BeSu.Solutions und welche Rolle spielen Serious Games und Gamification dabei?

Dr. Stefan Böhme, Mitgründer der BeSu.Solutions GmbH
Dr. Stefan Böhme ist Mitgründer der BeSu.Solutions GmbH.

Unternehmen stehen schon seit mehreren Jahren vor zentralen Herausforderungen: die Übernutzung natürlicher Ressourcen, Digitalisierung und Automatisierung, der demografische Wandel und ein zunehmend intensiverer Wettbewerb verändern unsere Geschäftsmodelle und die Art, wie wir Arbeiten, sehr grundlegend. Für diese Transformation brauchen Unternehmen vor allem auch neue Kompetenzen und neues Fachwissen. Mit BeSu.Solutions entwickeln wir passgenaue Formate und Werkzeuge für die Weiterbildung. Wir machen das nach dem aktuellen Stand der Forschung und da spielen Serious Games, Gamification und auch Game-based Learning eine zentrale Rolle.

Nehmen wir eine der wichtigsten Kompetenzen für die Zukunft: systemisches Denken. Die Pandemie hat uns allen einen ersten Vorgeschmack darauf gegeben, was systemische Herausforderungen bedeuten und warum es Menschen so schwer fällt, diese zu lösen, wenn  Dinge wie Zielkonflikte, Rebound-Effekte oder exponentielles Wachstum eine Rolle spielen. Systemisches Denken können Sie sich aber nicht aus einer Powerpoint-Präsentation anlesen. Systemisches Denken lernen Sie durch Ausprobieren. Und einer der besten Methoden zum Auszuprobieren sind nun mal Lernspiele und Simulationen.

Wie kann Game-based Learning Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützen?

Spielerische Formate können hier beispielsweise sehr gute abstrakte Themen greifbar machen: Denken Sie an eine Simulation zum Thema IT-Sicherheit, bei dem ein Teil der Belegschaft die Rolle von Hacker*innen einnimmt und ein anderer Teil die Daten des Unternehmens schützen muss. Oder ein Thema wie fahrerlose Transportsysteme, wo der bisher klassisch ausgebildete Gabelstaplerfahrer jetzt eher im Leitstand arbeiten wird: Warum nicht die Mitarbeiter einen spielerischen Hindernisparkour bauen lassen, um ein Modellfahrzeug des neuen Systems auf Herz und Nieren zu prüfen? Mit solchen Formaten können wir die Einstiegshürden senken, gerade auch bei Menschen, die schon längere Zeit aus Weiterbildungsprozessen raus sind.

Eine andere Stärke von Game-based Learning bei Digitalisierung ist die Vermittlung von Wissen gemeinsam mit der Entwicklung von neuen Ideen, also Weiterbildung und Prozess- bzw. Geschäftsmodell-Innovation zu integrieren. Spielerische Formate können hier sehr gut helfen in einem geschützten Rahmen Bestehendes zu hinterfragen und neu zu denken. Digitalisierung ist ja ein sehr grundlegender Transformationsprozess, der von der Schulung auf neue digitale Anwendungen über neue Produktionsverfahren wie Industrie 4.0 bis zu komplett veränderten Geschäftsmodellen reicht – da werden Lernkonzepte gebraucht, die mit dieser Breite und dieser Tiefe umgehen können. Spiele sind hier ein wichtiger Baustein.

Sind Ihre Kund*innen grundsätzlich offen gegenüber den neuen, spielerischen Lernformaten, oder müssen Sie da erst Überzeugungsarbeit leisten?

Unserer Erfahrung nach sind spielerische Lernformate mittlerweile weit verbreitet und allgemein akzeptiert. Einzelne Formate wie Planspiele sind ja bei Unternehmen bereits seit den 1950ern im Einsatz. Neu ist eher die unüberschaubar große Vielfalt an analogen wie auch digitalen Spielvarianten. Während die Zahl an Lernspielen früher recht übersichtlich war, steht uns heute eine große Vielfalt an Formaten und Technologien zur Auswahl.

Bei unseren Kund*innen geht es daher weniger um grundsätzliche Überzeugungsarbeit als vielmehr darum, aus dieser Vielfalt geeignete Formate auszuwählen und passgenau zu gestalten. Lernspiele sind komplexe Produkte, bei denen ja sowohl die Spielmechanik als auch die Kompetenzvermittlung klappen muss. Ansonsten haben Sie am Ende eventuell ein tolles Spiel mit hohem Unterhaltungswert, was Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber wenig dabei hilft, sich die nötigen Kompetenzen zu erarbeiten.

Warum entstehen neue Anforderungen an das Lernverhalten?

Auf einer individuellen Ebene funktioniert Lernen natürlich erstmal nicht viel anders also vor fünfzig Jahren. Das Gehirn ist ja weiterhin das gleiche. Und die wenig attraktiven, wenig gehirngerechten Formate wie Frontalunterricht funktionieren auch heute noch genauso schlecht wie früher. Die wenigsten Menschen können im Anschluss an formelle Lernformate wie eine Schulung das dort präsentierte Wissen verlässlich speichern und dann bei Bedarf für die praktische Arbeit abrufen. Gebraucht werden weiterhin und jetzt erst recht handlungsorientierte, menschen-zentrierte Formate, zu denen eben insbesondere Spiele gehören.

Was sich aber deutlich geändert hat sind die Anforderungen an Bildungsprozesse auf organisationaler Ebene. Weiterbildung als abgegrenztes Ereignis, wo Sie dann einmal pro Jahr ausgewählte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwei Tage in ein Schulungszentrum schicken – das ist vorbei. Lernen ist bereits heute für viele Berufe ein normaler Teil jeder Arbeitswoche, und das wird sich zunehmend auf weitere Felder ausbreiten. Lebenslanges Lernen darf aber nicht zum lebenslangen Zwang werden. Und auch da können spielerische Formate ein wichtiger Bestandteil einer Bildungsstrategie von Unternehmen sein, um ein selbstbestimmtes, interessengeleitetes und werteorientiertes Lernen für alle zu ermöglichen – von der F&E-Abteilung bis zum Shopfloor.

Was würden Sie anderen Unternehmen für die Zukunft mit auf den Weg geben?

Weiterbildung wird noch zu oft als reiner Kostenfaktor gesehen, weil sich ein direkter „Return on Learning“ halt einfach nicht wirklich messen lässt. Das sollte aber kein Unternehmen daran hindern, trotzdem hier Geld in die Hand zu nehmen. Bildung in Unternehmen passiert noch zu oft als reine Reaktion etwa auf neue gesetzliche Vorschriften. Stattdessen muss Weiterbildung proaktiv gestaltet werden, gerade auch weil Bildungsprozesse Zeit brauchen. Im internationalen Vergleich sind die bei uns eingesetzten Budgets aktuell noch deutlich zu niedrig. Investition in Bildung zahlt sich aber immer aus – wenn die Kompetenzziele klar definiert sind und dann die besten Lernformate auf die richtige Weise ins Unternehmen integriert werden. Lernprozesse sind sehr voraussetzungsreich und komplex. Dafür lohnt es sich unbedingt, einen kompetenten Partner dabei zu haben.

Sie möchten mehr zu unserer Themenwoche „Gamification, Serious Games & eSports: Unternehmen spielerisch digitalisieren?!” in Kooperation mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung und dem APITs Lab erfahren? Weitere Informationen und Beiträge finden Sie hier.