Für unsere älteren Mitbürger wird der digitale Weg in der momentan Situation wichtiger denn je. Immer mehr Menschen erkennen, dass digitale Technologien uns gerade näher zusammenbringen können und dazu beitragen, das Leben im Alter besser zu organisieren. Größere räumliche Distanzen lassen sich zudem mit mehr digitaler Nähe besser aushalten.

In dieser Folge unseres Podcasts sprechen wir daher mit Patrick Ney. Er ist Gerontologe und arbeitet für die Stadt Hannover im Fachbereich Senioren. Dort ist er unter anderem “Digital Scout” und kennt sich mit Digitalprojekten, smarten Häusern und Assistenzsystemen bestens aus.

Podcast mit Patrick Ney

Moderiert wird der Podcast von Christian Wagener, Themenmanager für Digitale Produktion bei der Digitalagentur Niedersachsen. Der Podcast ist diesmal aus der Kooperation mit der LINGA entstanden, daher an dieser Stelle ein herzlicher Dank an die LINGA.

Hier können Sie sich den Podcast anhören:

Digitalagentur: Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des Podcasts der Digitalagentur Niedersachsen, heute gemeinsam mit der Landesinitiative Niedersachsen generationengerechter Alltag, kurz „LINGA“. Damit schaffen wir eine Brücke von der Digitalisierung über soziale Innovationen bis hin zu unseren älteren Menschen. Wir werden heute über Digitalprojekte, smarte Häuser und mögliche Unterstützung sprechen. Mein Name ist Christian Wagener und zu diesem Thema habe ich heute Patrick Ney zu Gast. Er ist Projektmanager für Digitalisierung, Digitalscout und Datenschutzbeauftragter beim Fachbereich Senioren der Landeshauptstadt Hannover. Hallo Patrick!

Patrick Ney: Hallo!

Digitalagentur: In der Coronakrise ist der Alltag von älteren Menschen wieder sehr in das Bewusstsein unserer Gesellschaft gerutscht. Manch einer fühlt sich im Homeoffice ähnlich isoliert wie vielleicht andere im Heim und einige macht die soziale Isolation einsam oder eben sogar krank. Auch bei den Seniorinnen und Senioren ist gerade zu beobachten, dass sie sich nun verstärkt den Kontakt über soziale Medien ins Haus holen. Die Digitalisierung birgt daher Chancen in der Krise. Meine Kolleginnen von der LINGA sehen sogar gerade allgemein einen Aufwind für soziale Innovationen, um eben gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Patrick du bist ausgebildeter Gerontologe, habe ich gesehen. Würdest du dich vielleicht kurz vorstellen und mir erklären, was eigentlich ein Gerontologe bei der Stadt macht?

Patrick Ney: Ein Gerontologe, das ist ein Alternsforscher. Das sind sozusagen die Experten für ältere Menschen. Und was mache ich bei der Stadt? Wie du schon gesagt hast, ich bin bei der Stadt Hannover, also bei einer Kommune, beschäftigt und arbeite dort im Bereich der älteren Menschen. Das heißt auch für ältere Menschen. Wir entwickeln Angebote und mein Schwerpunkt ist: Was kann man für digitale Strukturen und digitale Angebote für ältere Menschen entwickeln? Und dazu meine Fachexpertise, die ich für das Thema Technik und Altermit einbringe.

Digitalagentur: Ich habe gesehen, dass du auch Digitalscout bei der Stadtverwaltung bist. Was macht man als Digitalscout in diesem Kontext?                                           

Patrick Ney:  Ein wichtiges Element meiner Tätigkeit ist vor allem das Thema Vernetzung. Und der Digitalscout ist ein zentrales Vernetzungselement innerhalb der Stadt. Ein Digitalscout soll die fachliche Expertise im Rahmen der Digitalisierungsstrategie mit einbringen. Wir haben ganz viele unterschiedliche Aufgaben in der Stadtverwaltung und nicht alle Personen haben Ahnung von allen Themen. Und meine Aufgabe ist die Expertise als Digitalscout aus dem Seniorenbereich ­– zum Beispiel für das Thema „Digitale Bildung“ – miteinzubringen, damit ältere Menschen nicht vergessen werden in der Stadtverwaltung und in der Stadt Hannover allgemein.

Digitalagentur: Okay, das heißt wahrscheinlich es gibt mehrere Digitalscouts oder?

Patrick Ney: Es gibt aus jedem Bereich, also aus dem Seniorenbereich oder aus dem Jugendbereich, jeweils entsprechende Scouts.

Digitalagentur: Okay, das ist dann wirklich wie die Spinne im Netz, welche die Fäden zusammen hält und dafür sorgt, dass im Digitalbereich die Gruppe, die für den eigenen Fachbereich relevant ist, nicht vergessen wird.

Patrick Ney: Eine wichtige zentrale Aufgabe ist – ich bin zwar sehr digitalaffin, das heißt aber nicht, dass meine Kollegen digitalaffin sind – die Organisationen im Wandel zu begleiten und sich aufzumachen und zu befähigen, auch digital zu denken. Es ist also nicht immer nur Kaffee und Kuchen und reale Treffpunkte, sondern das was auch jetzt gerade in Coronazeiten wichtig ist. Wie können wir Leute digital erreichen? Und da braucht es Digitalangebote.

Digitalagentur: Hilfreiche digitale Produkte und Dienstleistungen sind ja nun vor der Krise nicht immer bei den Älteren angekommen. Wenn ich so an meinen Opa denke und ich dem jetzt einfach ein Tablet in die Hand drücke und sage: „Wir machen am nächsten Wochenende unseren Kaffee und Kuchen über Skype oder Web-Meeting.“,  dann würde der das sicherlich gut finden. Aber ich glaube, ohne eine vernünftige Anleitung wäre das mit dem Tablet wahrscheinlich, zumindest im ersten Augenblick, etwas schwierig.

Die Frage ist also: Wobei können eigentlich moderne Technologien konkret unterstützen? Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

Patrick Ney: Wir haben zahlreiche Projekte initiiert. Ein Projekt, was durchaus sehr spannend ist, ist Digital at Home. Was ist der Inhalt davon? Die Perspektive ist, das Thema „Virtual Reality“ (VR) zu nehmen und dies mit Menschen mit Demenz und auch mit Menschen in stationären Einrichtungen auszuprobieren. Was probieren wir dort aus? Im Rahmen von digitaler Biografiearbeit, also an was man sich erinnern kann, Orte wo man früher mal war und um Erinnerungen zu wecken, z.B. bei Menschen mit Demenz. Aber natürlich auch um älteren Menschen zu zeigen, Technik ist nicht irgendetwas mit Science Fiction, sondern das ist real und Dinge kann man erleben und ihnen auch ein digitales Fenster zu öffnen, um zu zeigen, das kann Spaß machen. Deshalb probieren wir mit fitten Senioren in Altenpflegeheimen auch solche Technologien aus, indem sie mal solche Brillen aufsetzen, in Kontakt kommen, spielen, mal um die Welt fliegen und Dinge sehen, die sie vielleicht noch nie gesehen haben. Aber natürlich auch mit Menschen mit Demenz auszuprobieren, wo es unterstützen kann im Rahmen von Biografiearbeit. Das geht natürlich nicht mit allen Menschen mit Demenz, da muss man sehr sensibel sein. Aber man kann durchaus mit vielen Menschen etwas erreichen.

Digitalagentur: Diese VR-Brillen, also Virtual Reality, ist natürlich gerade gesellschaftsübergreifend ein riesen Thema. Wenn ich mich jetzt so in meinem Bekanntenkreis umhöre – ich würde behaupten, da sind viele sehr digitalaffine Menschen dabei. Von denen haben sicherlich noch längst nicht alle je eine VR-Brille aufgehabt. Wie kommt das an? Also wie schaffen Sie es da wirklich eine Akzeptanz herzustellen und zu sagen: „Hey, probiert das aus, dann macht es vielleicht Spaß und ihr könnt es benutzen und seid in der Lage auch selbstständig daranzugehen.“

Patrick Ney: Ganz wichtig ist, wir bieten einen neutralen Boden wie einen Experimentierraum. Wir zeigen Technologien und motivieren die Leute das wirklich auszuprobieren. Was natürlich immer gut klappt, ist, wenn Leute selber Dinge erfahren können und Spaß haben, das heißt, es können auch Spiele sein. Und dass die Leute, die in dieser Ziel-Altersgruppe sind, wie ein Influencer andere Leute motivieren, es auszuprobieren.

Digitalagentur: Das heißt, wir haben in den Seniorenheimen beispielsweise schon ein paar digitalaffine Seniorinnen und Senioren, die dann die modernen Influencer der Seniorenresidenz werden.

Patrick Ney: Genau, die auch andere motivieren. Wir haben zum Beispiel in mehreren Altenpflegeheimen von der Stadt Hannover digitale Sprechstunde. Das heißt, da können ältere Leute mit ihrem Smartphone oder Tablet hinkommen, wenn sie Bedarf haben und ihre Fragen stellen. Am Anfang wurde das sehr verhalten angenommen. Warum? Weil das neu war und da sind auch viele Ängste mit verbunden. Aber als die ersten aus den Sprechstunden rauskamen, wurde gesagt: „Mensch, geh da mal hin, die haben gut geholfen. Da kannst du das und das mit einer App machen.“ Sukzessiv kamen die Leute darüber, weil Fürsprecher aus ihrer Zielgruppe da waren und so kann man das gut miteinander verbinden.

Digitalagentur: Das klingt hochinteressant. Ich stelle mir gerade ganz interessant vor, wirklich digitale Sprechstunden zu machen, wo ich vielleicht mit meinen Großeltern nochmal über das Handy spreche und vielleicht sage: „Das kann man gut benutzen und so funktioniert das Ganze. Und wir müssen nicht immer nur telefonieren, sondern ihr könnt mich auch sehen, selbst wenn ich ein paar hundert Kilometer weg bin.“ Ich glaube, da über den Nutzen zu gehen, das ist wirklich eine starke Sache.

Patrick Ney: Das ist nämlich ein ganz großes Element, aus dieser Nutzen-Perspektive heraus zu denken. Die meisten Senioren haben davon, wie bei VR, noch nie gehört. Oder wie auch beim Thema Smartphone oder Tablet, wo die Leute sagen: „Was brauche ich das? Ich bin viele Jahre ohne zurechtgekommen.“ Auch damit sind Ängste verbunden und gleichzeitig ist den Leuten nicht klar „Was bringt mir das und was habe ich davon? Kann ich davon Nutzen haben?“ Wir versuchen, die Leute aus dieser Situationslage heraus zu kitzeln und fragen: „Für was interessieren sie sich?“ Wenn jemand jetzt sagt: „Ich koche gerne.“, oder „Ich bin gerne in der Natur unterwegs.“, dann gibt es natürlich immer Apps dafür. Über dieses individuelle Interesse gehen wir dann in den Bereich digitaler Bildung rein und erklären ihnen sukzessiv unter deren Interessenslagen das Smartphone oder Tablet. Wie bei einem Bausteinsystem kommen immer weitere Funktionen oben drauf.

Digitalagentur: Immer weitere Funktionen oben drauf ist ein gutes Stichwort für meine nächste Frage. Denn wir haben vorhin schon mal das Thema „Smartes Haus“ gehört. „Ambient Assisted Living“, eine Technologie, die barrierefrei ist und vernetztes Wohnen möglich machen soll. So habe ich mir das zumindest angelesen. Was versteckt sich dahinter?

Patrick Ney: Letztendlich sind es Systeme, die generell älteren Menschen helfen sollen, so lange wie möglich selbstbestimmt und selbstständig zuhause zu bleiben. Das ist einmal der Kontext zuhause, aber auch für den stationären Kontext, primär orientieren sich diese Assistenzsysteme wirklich auf die älteren Menschen zuhause. Man guckt, in welchen Bereichen kann man ältere Menschen unterstützen. Das heißt zum Beispiel, viele ältere Menschen haben ein großes Sicherheitsbedürfnis. Daher ist ein großes Feld „Sicherheit“. Was gibt es für Sicherheitssysteme? Das sind zum Beispiel automatische Herdabschaltungen, wenn man das mal vergisst. Das kann allen Generationen übrigens mal passieren, nicht nur den älteren Menschen. Dann sind Stürze zuhause ein großes Thema, nicht nur für den medizinischen Bereich, sondern auch für die Lebensqualität von den Menschen zuhause. Das heißt, da gibt es Sturzsensoren, intelligente Teppiche und andere Systeme, die genau in diesen Bereichen helfen sollen. Es sind also die Bereiche Gesundheit, Sicherheit aber natürlich auch sowas wie ein Staubsaugerroboter, der mich in meinem Haushalt als Hilfe unterstützen soll. Auch im Bereich Kommunikation, sowas ist gerade in Coronazeiten ein ganz wichtiges Thema.

Digitalagentur: Ja das ist DAS Thema. Die Stadt selber hat da jetzt natürlich nicht geschlafen, sondern ihr habt gesagt es gibt einen großen Kommunikationsbedarf. Dafür habt ihr eine ganz lange Liste zusammengestellt mit verschiedenen Hilfsangeboten. Den Link findet ihr übrigens unten bei uns im Text. Die beinhaltet neben den Unterstützungsangeboten eben auch dieses Nachbarschaftsportal „Nebenan.de“. Da habe ich neulich auch mal einen Zettel im Briefkasten gehabt mit: „Meldet euch doch mal bei Nebenan.de an. Das ist sozusagen deine digitale Nachbarschaft und da sind alle dabei.“ Fand ich grundsätzlich erstmal ganz spannend. Bundesweit hat Hannover als erste Kommune frühzeitig dieses Angebot für die Quartiersarbeit genutzt. Wie zeigt sich das jetzt?

Patrick Ney: Gestartet sind wir Ende 2017 mit dieser Kooperation, weil wir die Frage hatten: Wie können wir die Menschen im Quartier im Stadtteil erreichen, die frei von sozialen Netzwerken sind? Aber soziale Netzwerke sind natürlich auch sehr global. Uns hat es lange beschäftigt und natürlich auch in der klassischen sozialen Arbeit, wie man direkt den Kontakt mit Leuten halten kann. Da kam die Idee der digitalen Nachbarschaftsplattform. Nach mehreren Überlegungen sind wir dann diese Kooperation eingegangen. Das Ziel dahinter ist, dass wir älteren Menschen den Zugang zu digitaler Nachbarschaft offerieren und natürlich auch, dass diese davon partizipieren. Was heißt das? Sie in Kontakt bringen mit neuen Menschen. Denn eine Erkenntnis aus der Altersforschung ist: Je älter man wird, desto kleiner wird die soziale Kontaktfläche. Das heißt, man hat immer weniger Kontakte, auch zur Familie und ist vielleicht auch nicht mehr so mobil. Da ist es gut, wenn man Kontakt zur Nachbarn hat, diese kennt und vielleicht auch neue Personen kennenlernt. Da kann zum Beispiel genau sowas unterstützen. Aber auch, wenn man, so wie jetzt in Coronazeiten, Unterstützungsbedarf hat. Dass man weiß, man kann etwas äußern, auch wenn man nicht mit der Tochter reden kann, die nicht in Hannover lebt, sondern in Hamburg und die einem nicht helfen kann beim Einkaufen. Genau da soll diese Nachbarschaftsplattform unterstützen.

Digitalagentur: Das ist letzten Endes ja so eine Art Plattform für die Nachbarschaftshilfe. Gerade in diesen Zeiten sieht man ja überall Angebote, wo man sagt: „Ich bin jung, ich bin fit. Ich kann für euch einkaufen gehen. Ist kein Problem, sagt mir was ihr braucht, ich bringe es euch mit.“ Das ganze kann man jetzt eben auch über diese Plattform Nebenan.de abwickeln beispielsweise. Man kann sich da in Kontakt setzen und sagen, dass man Bedarf hat, vielleicht kann einem jemand helfen. Dann meldet sich jemand anderes und kann helfen.

Patrick Ney: Aktuell sind über 27.000 Menschen in Hannover dort angemeldet. Knapp acht Prozent der Nutzenden sind über 65 Jahre alt.

Digitalagentur: Da muss ich eben mal kurz einhaken. Das fand ich ganz interessant im Vorfeld bei der Recherche. Da habe ich mal geschaut, wie sieht eigentlich Facebook aus? Facebook wird ja gerne nachgesagt, dass dort die älteren Menschen im Moment sind. Aber Facebook hat tatsächlich nur 1,5 % Nutzerinnen und Nutzer die über 65 Jahre alt sind. Da hat Nebenan.de natürlich ein besseres Spektrum an dieser Stelle.

Patrick Ney: Genau, das ist aber auch ein Stückchen weit unserer Tätigkeit geschuldet, weil wir gesagt haben, wir wollen dieses Instrument nutzen, auch um explizit ältere Menschen zu erreichen. Das heißt, wir haben sie motiviert, diese Dienste mit ihrem Zugang zu Smartphone oder Tablet zu unterstützen und das Ganze auch mal auszuprobieren.  Auch da wieder diesen Marketingeffekt zu nutzen, wo ältere Menschen sagen: „Ich habe darüber neue Leute gefunden für Skat.“ Wir haben zum Beispiel auch in den Quartieren Leute miteinander zusammen gebracht, denen noch jemand gefehlt hat für den Chor. Da haben die Leute gemerkt, das ist eine tolle Sache. Und wie haben die Leute früher sonst zueinander gefunden? Über den persönlichen Kontakt, schwarze Bretter oder man hat einen kleinen Zettel im Supermarkt angebracht. Digital geht das natürlich viel schneller und man erreicht viel mehr Leute. Es ist auch schön zu sehen, wenn wir diese Anfragen für ältere Menschen einstellen und nach zwei bis drei Stunden ist dieser Bedarf schon erfüllt. Da sagen viele Leute: „Das ist ja eine tolle Sache.“ Wenn wir die Leute dann explizit darüber reden lassen, sagen die auch: „Ich kann mich ja trauen, das vielleicht mal auszuprobieren.“

Digitalagentur: Da stellt sich dann einfach der Erfolg sehr schnell ein. Also wir haben jetzt darüber gesprochen, dass es sehr viele Angebote gibt, dass ihr als Stadt dabei unterstützt und dass es im Ehrenamt einiges an Unterstützung gibt. Wie sieht es denn generell mit der digitalen Kompetenz der älteren Menschen aus? Was würde der Altersforscher dazu sagen?

Patrick Ney: Es gibt nicht die älteren Menschen und damit gibt es auch nicht die digitale Kompetenz. Es gibt zum Beispiel, wenn man es etwas genauer meint, die Marmeladen-Oma. Die ist 86 Jahre alt und ein YouTube-Star in ihrer Altersgruppe. Es gibt auch Monika Fuchs, die eine Food-Bloggerin und sehr bekannt ist und alte Rezepte wieder auspackt, die gerade in jetzigen Zeiten sehr gut ankommen. Oder Günther Krabbenhöft ist einer, der öfter mal in Berliner Clubs nächtelang durchtanzt. Der ist auch Influencer und Hipster. Das sind alles Role Models, wo man sagen kann, die sind eigentlich schon über den Zenit und sind trotzdem sehr digitalaffin und nutzen auch die digitalen Medien. Aber so sind auch nicht alle älteren Menschen, die das nutzen. Da kann man ganz gut sehen, es gibt ein gewisses Segment, die das sehr intensiv nutzen. Das heißt, Menschen bis ungefähr 69 Jahre sind in der Regel zu 80-85 % online, also schon die meisten. Guckt man aber in den Generationen weiter – das ist ganz wichtig, mit 69 hört das Alter ja nicht auf, sondern man darf noch viel älter werden -, also 80 Jahre und älter, sind es nur noch knapp 10 %, die noch online sind. Das heißt, je älter man wird, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man online ist.

Digitalagentur: Aber das bedeutet ja wirklich, dass innerhalb von etwa 15 Jahren, dieser Online-Anteil komplett zusammenschrumpft.

Patrick Ney: Ja, woran liegt das? Natürlich gerade die Menschen, die jetzt aus der Erwerbsphase rausgehen, haben spätestens in den letzten Jahren Kontakt zu digitalen Medien gehabt. Sei es gezwungen aus dem beruflichen Kontext oder aus privatem Interesse. Die sagen, diese Möglichkeit wollen sie weiterhin nutzen. Die Generationen davor, das Smartphone gibt es noch nicht so lange, sagen, sie kommen auch ohne zurecht. Oder sie sagen, sie haben keinen Mehrwert verspürt und keine Notwendigkeit, dass sie sowas lernen müssen. Das sind genau diese älteren Menschen, die über 80 und älter sind, die jetzt in Altenpflegeheimen sind und merken, ein Smartphone oder Tablet kann man jetzt in der Coronakrise nutzen, um den Kontakt zu Angehörigen zu ermöglichen. Sie wissen aber nicht, wie das geht oder haben sich vorher nie dafür interessiert, aber jetzt ist es interessant.

Digitalagentur: Weil jetzt der Kontakt fehlt und gerade keiner vorbei kommen kann. Das gekippte Fenster ist wahrscheinlich auch schön, aber da muss auch mal jemand hinfahren. Die Besuchenden müssen sich dann vielleicht auch in den ÖPNV setzen und stundenlang mit anderen Leuten in einem kleinen Waggon Zug fahren. Wenn man sich das an dieser Stelle sparen kann und das genauso gut über eine Webkonferenz geht, wie wir das ja im Moment jeden Tag erleben, dann ist das natürlich eine super Sache.

Patrick Ney: Das ist natürlich auch nicht bei allen älteren Menschen so und es sind auch nicht alle älteren Menschen total aufgeschlossen, das muss man verstehen. Aber insgesamt gibt es schon eine relativ hohe Offenheit für digitale Möglichkeiten. Es braucht dennoch immer das Aufzeigen von Mehrwerten, also einem Sinn, aber auch das Empowerment und das Vertrauen, „Du kannst das!“. Es gibt in Deutschland einen alten Spruch „Eine alte Kuh lernt immer noch dazu.“ Viele ältere Menschen sagen aber: „Ich bin jetzt 83 (oder 91), das lerne ich nicht mehr.“ Dieses Argument gilt nicht. Aus der Altersforschung und der medizinischen Ebene weiß man, die Leute sind immer fähig, egal wie alt sie sind, sie können lernen. Aber sie müssen es auch wollen. Da muss man sie an diesem Punkt erwischen und sagen: „Hey, das kann deine Lernmotivation sein.“ Zum Beispiel ist Lernmotivation in Coronazeiten, Kontakt zu Angehörigen zu zeigen und auch zu sagen: „Was will ich jetzt konkret lernen?“. Sich zu fokussieren und zu sagen: „Ich lerne erst das und wenn ich das gelernt habe, lerne ich Schritt für Schritt die anderen Dinge.“ Dann hat man Erfolg und ist in der Regel auch motiviert.

Digitalagentur: Ich glaube, die Lernmotivation „Ich kann meine Enkel sehen, kann sie sehen und nicht nur hören.“ ist eine ganz große.

Patrick Ney: Deshalb unterstützen wir zum Beispiel mit Projekten wie unsere Medien- und Techniklotsen, ein Projekt von der Stadt Hannover, um die digitale Souveränität bei älteren zu stärken. Da haben wir knapp 30 Ehrenamtliche rekrutiert, die früher im IT-affinen Umfeld gearbeitet haben. Das heißt bei großen Unternehmen, aber auch Hausfrauen, die es sich selber beigebracht haben, wir haben Lehrer, eine Pastorin und viele unterschiedlich andere Bildungshintergründe. Die helfen Menschen über 60 Jahren direkt zuhause im 1:1-Gespräch und auch in digitalen Sprechstunden im Stadtteil. Ich glaube, wir haben mittlerweile 13 Sprechstunden verteilt, auch in Altenpflegeheimen. Wir haben viele Kurse und insgesamt helfen wir etwa 2000 älteren Menschen. Das heißt, knapp 30 Ehrenamtliche helfen über 2000 älteren Menschen. Das klingt erstmal im Verhältnis gesehen nach sehr viel, denn die machen das ehrenamtlich. Aber das braucht genau diese Unterstützungsfunktion. Denn die Frage ist „Wer kann mir denn helfen?“ Die Kinder haben nicht immer Zeit. Viele Ältere oder auch die Angehörige neigen dazu, zu sagen: „Ich stell dir das mal schnell ein.“, oder „Nicht schon wieder diese Frage.“ Und genau das ist der Punkt, warum ältere Menschen auch ein Stück weit demotiviert sind. Sie brauchen aber jemanden, der es ihnen in ihrer Geschwindigkeit erklärt und der sie an dem Gerät auch arbeiten lässt. Wir sind nur der Coach.

Digitalagentur: Genau, ich habe also einen Trainer, der neben mir steht und sagt: „Das machst du gut“ oder „Vielleicht probierst du das nochmal aus.“ Und so kommt man dann selbstlernend und selbstbestimmt zum Ziel.

Angesichts der aktuellen Lage, wo siehst du jetzt noch Handlungs- und Unterstützungsbedarf? Wie können wir das Themengebiet, also ältere Menschen und Digitalisierung, noch weiter bearbeiten? Vielleicht gibt es da ja noch weitere Möglichkeiten, zu unterstützen – wie siehst du das?

Patrick Ney: Ein ganz wichtiger Punkt ist, glaube ich, zu zeigen, was Technik überhaupt leisten kann und was gibt es für Möglichkeiten? Also eine Möglichkeit, wo ich sage, dass man sich die Situation angucken muss und ein gutes Beispiel, was Leute polarisiert, ist zum Beispiel Sprachsteuerung.

Digitalagentur: Oh ja! Das sollten wir aber vielleicht in einen anderen Podcast verschieben, sonst dauert das heute noch ein bisschen.

Patrick Ney: Was da gerade gut passt, einmal sagen die Leute, das ist ein Spion zuhause und gleichzeitig erleben wir viele ältere Menschen. Die meisten Nutzer von Sprachsteuerung sind nämlich ältere Menschen und nicht jüngere. Warum? Weil sie zum Beispiel feinmotorische Einschränkungen haben, somit können sie ein Smartphone oder Tablet nicht richtig bedienen oder es ist ihnen zu komplex, aber Sprache kann jeder. Oder wenn ich eine seheingeschränkte Person bin, ist das natürlich eine wunderbare Möglichkeit um genau diesen Leuten zu zeigen, wenn du das nicht kannst, dann kannst du aber definitiv sprechen und du kannst trotzdem ein technisches Gerät bedienen. Da kann man die Leute unterstützen und Motivationskampagnen machen. Aber natürlich auch die älteren Leute dabei unterstützen, dass sie überhaupt von diesen technischen Möglichkeiten partizipieren. Also beispielsweise freie WLAN-Möglichkeiten in stationären Einrichtungen zu nutzen. Habe ich kein WLAN vor Ort, kann ich auch schlecht das Smartphone oder Tablet bedienen.

Digitalagentur: Also ist das noch gar nicht so ausgeprägt, dass zum Beispiel ein Seniorenheim mit WLAN ausgestattet ist?

Patrick Ney: Also es nimmt bundesweit zu, aber in der Gesamtheit ist es noch sehr reduziert. Das ist natürlich eine große Hürde. Warum ist es reduziert? Weil man jahrelang angenommen hat, hier kommen ältere Menschen her, die sind stark eingeschränkt und wozu brauchen die Smartphone oder Tablet? Mal so ganz salopp gesagt. Aber hier geht es heutzutage nicht mehr nur um soziale Teilhabe, sondern auch um digitale Teilhabe. Und gerade wenn ich in einem Altenpflegeheim bin, bin ich vielleicht auch nicht mehr so viel draußen in meiner Umgebung unterwegs.

Digitalagentur: Das heißt ich brauche diese Interaktion ja auch. An der Stelle ist das ja gleichzusetzen, digitale und soziale Teilhabe. Das ist Eins an der Stelle.

Patrick Ney: Richtig und den Einrichtungen klar zu machen, das ist auch eine wichtige Möglichkeit, bietet sowas an wie eine Sprechstunde, helft den Leuten digital teilzuhaben. Ein schönes Beispiel habe ich auch in vielen Einrichtungen gesehen, wenn man mit der Einrichtungsleitung spricht. „Ja wir haben doch einen Computer unten.“ Das ist dann so ein ganz alter Röhrencomputer, ein bis zwei Geräte, wo man dann Mahjong spielen kann. Das ist natürlich auch digital, aber das zeigt nicht die ganzen Möglichkeiten. Das heißt, man muss auch die Einrichtungen motivieren und sagen: „Macht euch auf, das hat doch eine Chance.“ Das ist auch ein Marketingaspekt.

Digitalagentur: Definitiv. Es gibt also auf jeden Fall noch viel Bedarf. Auf der anderen Seite gibt es auch viel Unterstützung und auch eine gewisse Offenheit, die gerade jetzt sicherlich auch nochmal befeuert wird durch die aktuelle Krise. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg und innovative Ideen. Vielen Dank! Wie man sieht, bleibt der Mensch wirklich ein Mittelpunkt, auch wenn es um Digitalisierung im hohen Alter geht, weil dieser am Ende den Nutzen daraus ziehen muss. Weitere Unterstützung und Informationen gibt es natürlich bei linga-online.de, da haben wir natürlich noch was zusammengestellt, direkt bei der Digitalagentur Niedersachsen und bei der Stadt natürlich. Außerdem sind sowohl die LINGA als auch die Digitalagentur bei Twitter unterwegs und unter @Digital_NDS und @LINGA_NDS_DE zu finden. Wir freuen uns natürlich weiterhin über Anregungen unserer Zuhörerinnen und Zuhörer. Wenn sie einen Vorschlag für unseren Podcast haben oder Fragen zu diesem oder einem anderen vergangenen Podcasts, dann senden Sie uns ihre Nachricht an fragen@nds.de.

Patrick, hast du vielleicht noch eine Informationsquelle, die ich übersehen habe, die du zum Schluss nochmal platzieren möchtest?

Patrick Ney: Natürlich einmal die Informationen von der Stadt Hannover, aus dem Fachbereich Senioren zum Thema „Digitalisierung/ Ältere Menschen“, aber auch zum Beispiel von der BAGSO Bundesarbeitsgemeinschaft, die sich bundesweit aufmachen, ältere Menschen zu motivieren und auch deren Organisation, sich diesem Themenfeld zu näheren. Dort findet man noch sehr viele Informationen.

Digitalagentur: Patrick, vielen Dank für die Informationen und dass du dir Zeit genommen hast. Dankeschön!

Patrick Ney: Gerne!

Digitalagentur: Auf Wiedersehen.

(Bild: tianya1223/pixabay)