In dieser Folge unseres Podcasts beschäftigen wir uns mit der Frage, wie unsere Fabriken krisenfest gemacht werden können. Gemeinsam mit unserem Gesprächspartner Dr. Tobias Heinen, CEO von GREAN, begeben wir uns auf die Suche nach guten Beispielen und diskutieren über die virustaugliche Fabrik von Morgen.

Bei der GREAN GmbH beschäftigt sich Dr. Heinen seit mittlerweile zehn Jahren damit, Fabriken effizienter zu machen. Er sieht dabei verschiedene Optionen, um der Fokussierung auf Kosten und Effizienz noch weitere Zielgrößen hinzuzufügen, ohne dabei aus der wirtschaftlichen Balance zu geraten.

Der Podcast wird moderiert von Christian Wagener, Themenmanager für Digitale Produktion und Industrie 4.0 bei der Digitalagentur Niedersachsen.

Hier können Sie den Podcast anhören:

Christian Wagener (Digitalagentur Niedersachsen): Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des Podcasts der Digitalagentur Niedersachsen. Wir werden heute darüber sprechen, wie sich der gegenwärtige und zukünftige Fabrikbetrieb durch die aktuelle Krise verändert und was jetzt schon gegen eine Verbreitung des Virus in den Fertigungshallen unternommen wird. Mein Name ist Christian Wagener und ich bin heute zu Gast bei einem Unternehmen für Prozessoptimierung, Fabrikplanung und Ressourceneffizienz, nämlich der GREAN GmbH. Bei mir ist nun Dr. Tobias Heinen, einer der Geschäftsführer des Unternehmens. Hallo Tobias.

Dr. Tobias Heinen (GREAN GmbH): Hallo Christian.

Tobias, was verbirgt sich hinter den drei Begriffen Fabriklayoutplanung, Prozessoptimierung und Ressourceneffizienz?

Ja, wahrscheinlich ist das für die meisten wohl erst mal abstrakt wenn man das so hört. Wir sind unterwegs in der Welt der Produktion, also unsere Kunden sind Produktionsunternehmen, und dann gibt es immer wieder Fragen wie: Wie kann ich Abläufe in der Produktion optimieren, wie baue ich überhaupt grundsätzlich meine Fabrik auf, also wie stehen Maschinen zueinander, wie sind Materialflüsse angeordnet und wie läuft der Prozess in so einer Produktion ab?

Das heißt man guckt sozusagen aus der Vogelperspektive einmal rein in die Fabrik und guckt, wo man das Ganze noch ein bisschen optimieren könnte…den Durchlauf…

…Genau, denn oftmals, auch das ist wahrscheinlich am Anfang erst mal schwer zu verstehen, sind diese Strukturen über Jahre oder auch Jahrzehnte gewachsen und dann schleicht sich so ein Schlendrian mal ein. Und es gibt an den Stellen links und rechts immer wieder Verschwendung, wo Umwege gefahren werden, wo vielleicht durch ein Wachstum in der Vergangenheit Materialflüsse zu lang geworden, unübersichtlich geworden sind. Und wir helfen unseren Kunden dabei, diese Abläufe zu optimieren, Wege zu verkürzen, schneller zu produzieren und insgesamt effizienter zu sein.

Und das macht ihr ja jetzt nicht erst seit gestern, sondern euch gibt’s jetzt schon ein paar Jahre. Wie lange gibt es euch jetzt genau?

(lacht) Ja, 9,8 Jahre, also nein, wir haben uns im Sommer 2010 gegründet, das heißt wir laufen jetzt in den 10. Geburtstag rein, was eine ganz spannende Situation ist, zu sehen. Ich hatte es ja im Vorgespräch schon mal gesagt, wir haben uns sozusagen nach der letzten Krise gegründet und jetzt, zum runden Geburtstag, sind wir gleich in der nächsten Krise angekommen.

(beide lachen)

Offensichtlich seid ihr da erprobt.

Es scheint so, ja.

(beide lachen)

Wie viele Personen arbeiten jetzt bei GREAN?

Wir sind mit 10 Leuten in der GmbH. Was man vielleicht noch dazusagen muss, das ist so aus der Historie des Unternehmens begründet, die Firma ist ja mal gegründet worden aus der Uni Hannover. Dort gibt es ein Institut für Fabrikanlagen und Logistik, also das sind so die gleichen Themen: wie plant man Fabriken, wie optimiert man sie und wir arbeiten noch ganz eng mit denen zusammen. Wir  besetzen also tatsächlich auch Projekte gemeinsam mit dem gleichen Personal und da sind nochmal ungefähr 25 Leute.

Das bedingt wahrscheinlich auch hier die räumliche Nähe dann, ne?

Ja genau, also sehr bewusst ist der Fußweg von meinem Büro, in dem wir jetzt gerade sitzen, in das Institut gefühlte 15 Meter, also einmal über den Flur.

Das ist wirklich sehr nah dran, ja.
Jetzt ist es ja so, dass das Virus vor der Fabrik und den Fertigungshallen nicht Halt macht, und das habt natürlich auch ihr gemerkt. Die gängigen Prinzipien, die ihr so anwendet, um so eine Fabrik zu betreiben und zu optimieren, werden ja jetzt schon hinterfragt, würde ich zumindest mal von ausgehen und auch ihr setzt euch damit auseinander. Was war denn so bisher eine gängige Vorgehensweise wenn man Prozesse in so einer Fabrik optimiert?

Also jetzt einmal zur Einsortierung, wir kamen ja gerade von der Frage Krise 2008/2009 und Krise 2020. Was ich jetzt erst einmal sehe, in 2009/2008 war es ja erst mal eine Bankenkrise, die sich letztendlich auch auf Produktionsunternehmen ausgewirkt hat. Jetzt nehme ich das ganz anders wahr, weil plötzlich sind wir noch gar nicht bei den Banken, sondern die Krise fängt eigentlich an im Handel, fängt an im Tourismus, die fängt an bei den Produktionsunternehmen und die kommt jetzt erst bei den Banken an.  Einen Unterschied nehme ich auch noch wahr, es ist eben eine globale Geschichte, erst sind die Fabriken in China zusammengebrochen, dann ist es nach Europa gekommen, jetzt sind die Fabriken in Europa zusammengebrochen und man erkennt schon die Problematik die daraus entsteht: Wenn ich jetzt ein Produzent hier in Niedersachsen bin, ich aber Teile aus Norditalien angeliefert bekomme…

…das fällt im Moment flach würde ich mal sagen…

…genau, dann fällt das flach, die Teile sind nicht da, weil die einfach nicht hergestellt werden oder ich habe meinen Absatzmarkt in China, dann konnte ich bis vor wenigen Wochen einfach gar nicht liefern. Das heißt das Ausmaß, das dahinter steht, nehme ich erst mal völlig anders wahr. Das ist so eine Art globale Großkrise. Das war 2008/2009 natürlich auch so, aber in einem deutlich anderen Ausmaß und das hat jetzt einen extremen Effekt, auch in den Fabriken. Das heißt die Frage, wie die aufgebaut sind, wie die organisiert sind und was die zukünftig erwartet, ich glaube, das ist vom Ausmaß nochmal was ganz anderes als das, was wir bisher kennengelernt haben.

Und wenn man jetzt sich das mal anschaut, also wenn man jetzt z.B. Kapital freisetzen möchte, das hat man wahrscheinlich 2009/2010 relativ stark gemacht, einfach Bestände abzubauen, das ist natürlich immer eine gute Methode, um einfach das Kapital aus der Bindung rauszuholen und es frei zu setzen. Wenn man schon kein Geld von der Bank kriegt, dann kann man vielleicht einfach das aus dem Kapital ein Stück weit rausziehen. Das fällt ja jetzt auch irgendwie flach, das ist ja als Methode nicht der richtige Hebel, um diesem Virus zu begegnen.

Das stimmt, da steckt ganz viel drin in der Frage, ich werde mal versuchen das einzusortieren. Ich fange mal an mit der Frage nach Kapital, was ja im Lager liegt. Das ist eigentlich so ein klassischer Punkt, du hast das gesagt, wenn ich mir zu viele Teile ins Lager lege, dann hab ich die alle eingekauft, ich muss die Halle anmieten, ich muss sie beheizen, da sind Mitarbeiter drin und das kostet mich alles Geld. Also ein klassischer Punkt um Effizienz in einer Produktion zu steigern ist üblicherweise Lagerbestände zu senken. Jetzt kommt was ganz Verrücktes, dass eigentlich ein gegenteiliger Effekt in dieser Krise eingetreten ist, die Leute haben eher versucht die Bestände zu erhöhen…

…das ist das allgemein beschworene hamstern…

(beide lachen)

…das ist das hamstern, was jeder aus dem Supermarkt kennt, wo plötzlich das Toilettenpapier ausgegangen ist. Die gleiche Situation erleben wir bei unseren Produktionskunden, die sagen, so lang ich noch irgendwas kriegen kann nehme ich’s, denn ich weiß ja, in drei Wochen ist es weg, dann krieg ich’s nicht mehr. Das heißt, die haben eher so ist mein Eindruck Teile zu horten, zu hamstern, egal was es kostet, um damit selber ihr Überleben abzusichern. Denn irgendwann, war die Erkenntnis, wird die Supply Chain zusammenbrechen und dann kann ich nicht mehr weiter produzieren. Also so der klassische Ansatz, den hab ich in dieser Krise gar nicht so wahrgenommen, sondern eher den gegenteiligen Effekt.

Das heißt also man baut jetzt Bestände auf und die legt man sich ins Regal – das ist einer der Effekte – gibt es noch andere Dinge, die sich eben durch die Krise jetzt ändern?

Ja, also, diese Supply Chain, dieses Versorgungsthema, auf der einen Seite haben viele unserer Kunden uns berichtet, dass sie versuchen erst einmal noch das zu bekommen was geht, um eben versorgungssicher zu sein. Der nächste Schritt, den wir gesehen haben, dass nach diesem akuten Schock, als wir alle begriffen hatten, Mitte März/Anfang April: Ok, so was hatten wir noch nie, wir fahren jetzt allen Ernstes das ganze Land herunter – als das durchgesickert war, da hab ich bei vielen unserer Kunden wahrgenommen, dass sie gesagt haben, wir müssen jetzt unsere Fabrik Corona-fest machen, also wir müssen dafür sorgen, dass die Leute mehr Abstand zueinander haben oder so etwas. Dann haben die ganz handfeste Prinzipien in der Organisation der Fabrik eingeführt. Um ein paar Beispiele zu geben: viele haben angefangen Schichten zu entkoppeln, also die eine Schicht arbeitet meinetwegen üblicherweise von 6 bis 14 Uhr und dann kommt eben die nächste von 14 bis 22 Uhr, und die haben sich quasi in der Schichtübergabe nochmal gesehen und die Schicht physisch übergeben. Das gibt’s heute nicht mehr, sondern oft ist es jetzt so, dass die Schicht um viertel vor zwei endet und die nächste erst um viertel nach zwei beginnt…

damit auf jeden Fall sichergestellt ist, dass die sich nicht begegnen, dass man im Zweifel mit der halben Mannschaft noch weitermachen kann.

Exakt. Oder was wir auch gesehen haben ist, dass in manchen Bereichen, ich sage mal z.B. am Montag die Montage gefahren wird und am Dienstag die Fertigung, damit man wirklich Bereiche physisch entkoppelt oder das man sagt eine Materialversorgung passiert nur noch über Übergabeplätze, also ein Logistiker kommt und stellt Material bereit und die Produktion nimmt sich das von der andere Seite, also man hat Produktion und Logistik komplett aufgetrennt, man hat wirklich physisch versucht, diese Bereiche komplett zu trennen.

Aber das ist ja hochspannend, weil eigentlich will man ja genau das nicht, man will, dass sich die Leute sehen, dass es Übergaben gibt, dass es Kommunikation gibt…

…Das stimmt, ja.

…und gerade so Montagesysteme sollen ja möglichst kompakt sein, weil’s natürlich erstens Platzverbrauch ist und zweitens ist es natürlich super effizient, wenn man ganz, ganz dicht zusammenarbeitet und sozusagen mit möglichst kurzen Griffwegen alles an Material zur Hand hat, das fällt ja jetzt flach oder nicht?

Das stimmt, das fällt flach, wobei es, so nehme ich das wahr, erst mal darum geht, überhaupt weiter zu produzieren. Also die Frage zu stellen: Wie kann ich es überhaupt schaffen, noch irgendwelche Teile aus der Fabrik rauszubringen? Denn es gibt ja zwei Seiten, die eine ist die Versorgungs-Seite, da haben wir jetzt schon erlebt, dass Supply Chains zusammenbrechen und das andere ist ja jetzt eine Situation, in die wir gerade reinlaufen, dass ich auf der Nachfrage-Seite eine Rezession erlebe, das heißt, dass ich sowieso nicht mehr so viel Bedarf habe an Teilen, die ich produziere. Deshalb sehe ich im Moment, dass selbst wenn die Effizienz leidet, also der Ablauf ist nicht mehr so elegant und nicht mehr so glatt gebügelt wie er vielleicht früher war, dass das in Kauf genommen wird, um überhaupt wieder in die Produktion reinzukommen und weiter zu produzieren.

Das verminderte Angebot, bzw. die verminderte Effizienz, trifft sozusagen auf eine etwas niedrigere Nachfrage das heißt an dieser Stelle matched es sich ganz gut.

Ja, sozusagen, eigentlich ein negativer Effekt den du da beschreibst…

…eigentlich schon, aber in diesem Fall passt es dann.

Jetzt kann man das ja auch noch ein bisschen größer sehen, ich verstehe das immer als eine Art Corona Ad-hoc-Programm, also ich versuche mich einzudecken, dass ich irgendwie weitermachen kann. Dann versuche ich meine Organisation so zu verändern, dass ich möglichst den Abstand vergrößere, dass ich weitermachen kann. Ich nehme jetzt aber auch wahr, dass die Diskussion in eine Richtung geht, die man vor acht oder zehn Wochen noch gar nicht kannte. Da kommen nämlich plötzlich ganz andere Fragen hoch,…

…kannst du da mal ein Beispiel geben?

Ja, mehrere, ganz andere Fragen, die es auch eben vor kürzerer Zeit noch gar nicht gab. Ich sag mal als ein Schlagwort das Thema Resilienz, das klingt jetzt ein bisschen abgehoben,…

…das ist auch ein Riesenthema.

…das kommt auch noch dazu. Aber ich will’s mal versuchen so knackig zusammenzufassen wie ich kann. Im Grunde geht es um die Frage, wie kann ich mich als Unternehmen, ich bin ja eingebettet in ein Versorgungsnetz und in ein Distributionsnetz zu meinen Kunden hin. Wie kann ich es schaffen, dass dieses Gesamtkonstrukt so aufgebaut ist, dass wenn beispielsweise die Versorgungsseite zusammenknickt, dass ich es trotzdem schaffen kann, gegenüber so einen externen Schock immun zu sein, sozusagen abwehrfähig, und trotzdem weiter produzieren kann.

Das ist die Frage, wie mach ich mich unabhängig, ein Stück weit, von den äußeren Einflüssen die jetzt gerade auf mich einprasseln.

Genau und jetzt will ich mal versuchen zu sagen, worin da der Mentalitätswechsel steht. Früher, naja, „früher“… war ja vor drei Monaten…

Ja, das ist noch nicht so lange her.

(beide lachen)

Ja, das ist noch nicht so lange her, sagen wir mal in der Pre-Corona-Phase, habe ich oft wahrgenommen, dass sehr stark aus einer Kostensicht darauf geguckt wurde. Also Firmen haben versucht, den günstigsten Lieferanten zu bekommen, eine total schlanke Produktionslinie herzustellen und dann wirklich ganz effizient zum Kunden hin zu sein. Ich hab das Gefühl, dass sich dieser Effizienzgedanke natürlich nicht auflöst, aber ergänzt wird um weitere Komponenten. Nämlich eben um die Frage, wie kann ich es auf abwehrfähig gestalten, also wenn ich jetzt einen Lieferanten habe in Peking und der macht seine Werkstore zu und ich muss in Hannover meine Produktion ausschalten, dann hilft mir das nur sehr bedingt, auch wenn das die günstigste und effizienteste Supply Chain war, weil ich kann ja trotzdem nicht weiter produzieren. Abwehrfähig und so zu gestalten dass ich Einfluss nehmen kann auf meinen Lieferanten, dass ich vielleicht nicht nur einen hab, sondern dass ich mehrere hab. Da gibt es so ein schönes Schlagwort, das immer wieder genannt wird, nämlich dieses System der Glokalisierung, also weg von einer globalen Supply Chain hin mehr zu einer Regionalität, wo ich dann aber viel mehr Einfluss nehmen kann.

Also kauf ich im wörtlichen Sinne sozusagen bei meinen Nachbarn ein, statt jetzt irgendwo in Peking bei einem tausende von Kilometer entfernten Zulieferer, den ich im Zweifel nicht unter Kontrolle habe, wo ich nicht weiß, was da passiert.

Genau, der hat einen ganz anderen Rechtsraum, der ist ganz weit weg, da geschehen Dinge, darauf haben wir hier einfach keinen Einfluss und das sind so Punkte, die ich jetzt schon vermehrt wahrnehme. Das heißt früher hat man stark aus einer Kostensicht drauf geguckt, das wird jetzt aber ergänzt aus so einer Leistungsperspektive, also was bietet mir eigentlich diese Supply Chain an, in der ich mich befinde und wie kann die mich unterstützen, wenn wir in so eine Krise reinlaufen. Das ist sicherlich ein Mentalitätswandel, den ich da feststelle.

Und da habt ihr ja so ein Krisenbarometer erstellt

Mhmh.

Also letzten Endes ist es eine lange Liste mit Einzelpunkten, wo ich für mich als Unternehmen nochmal Gegenchecken kann: wo bin ich abhängig, wie funktioniert das Ganze, wo hab ich Angriffsvektoren die auf meine Supply Chain einwirken. Kannst du mir nochmal erklären, wie man damit jetzt konkret arbeiten kann?

Ja, also in der Tat war das unsere Idee, wir haben das Krisenbarometer genannt, wir befinden uns ja  in, das kann man glaube ich so sagen, einer große globale Krise, die betrifft natürlich nicht nur Produktionsunternehmen, aber das ist eben unser Steckenpferd, da kennen wir uns besonders gut aus. Und wir haben versucht eine Liste zusammenzustellen, da stehen verschiedene Themenbereiche drauf, also: wie gut bin ich in Supply Chains eingebettet, wie ist meine Organisation in der Fabrik selber, wie ist meine Kultur, mein Umgang mit diesen Dingen, wie agil bin ich aufgestellt und so weiter und so fort. Wir haben versucht mit wenigen Fragen ein Instrument anzubieten, wo Unternehmer, die eine Produktion betreiben, selbst prüfen können, wo sie gut aufgestellt sind und wo sie noch Schwachpunkte erkennen. Und das ist eine ganz einfache Logik, das ist eine Liste mit, wie du sagst, verschiedenen Punkten die da drauf stehen, man kann im Grunde einfach ankreuzen, glaube ich selber dass ich da schon gut bin oder schlecht bin und dann ergibt sich so ein Profil, wie gut ich in meiner Supply Chain, wie gut ich in meiner Produktion aufgestellt bin und dann wird auch schnell klar, wo es möglicherweise noch Verbesserungspunkte gibt und wo ich möglicherweise auch schon ganz gut aufgestellt bin, durch so eine anstehende Krise jetzt zu kommen.

Da kann am Ende natürlich rauskommen, dass man jetzt mehr dieses Glokalisierungsthema vorantreiben sollte und um beispielsweise seine Supply Chain ein wenig resilienter zu machen, eben auf lokale Zulieferer setzt.

Könnte rauskommen, genau, es können natürlich noch etliche andere Punkte rauskommen, dass man sagt, meine Prozesslandschaft im Haus in der Produktion muss optimiert werden oder, keine Ahnung, ich muss innovativer werden. Also es gibt verschiedene Punkte, die dabei rauskommen können, wir haben erst mal versucht breit zu denken und ein ganz breites Feld anzubieten. Wir haben die Erfahrung gemacht das anzukreuzen und durch diese Fragen durchzugehen, das führt eben dazu, dass ich mir bereits Gedanken mache und für mich selber dann reflektieren kann, als Produktionsunternehmer, wie bin ich jetzt gut aufgestellt, an dieser Stelle oder gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten, dazu soll das ja dienen. Das ist eine Selbsteinschätzung für Produktionsunternehmer, um sich möglicherwiese auszurichten und zu schauen, an welchen Stellen sie besser werden können, jetzt in dieser Zeit.

Wir hatten gerade ja schon mal das Thema Kosten und vorher war’s eigentlich so, dass die Unternehmen strikt auf die Kosten geschaut haben, auf die Effizienz. Das wird jetzt ergänzt, hast du gesagt, aber wie schafft man es denn so eine Lieferkette aufzubauen, ohne das die Kosten explodieren?

Gute Frage und auch schwierige Frage, ich glaube dass das Thema Effizienz wird ja nie weg sein, also…

…ja es bleibt immer erhalten, definitiv.

Also wir sind in Deutschland, das ist ein Hochlohnland, wir stehen im internationalen Wettbewerb, das heißt wir können jetzt nicht einfach ins Muntere hineinproduzieren, sag ich jetzt mal, sondern das Kostenthema, das Effizienzthema wird immer das sein, wird wahrscheinlich auch in Rezession noch mehr an Bedeutung gewinnen, ich glaub lediglich, dass es auch um andere Punkte ergänzt wird, die bisher noch nicht so eine starke Bedeutung hatten. Und wenn ich jetzt mehr Punkte in die Bewertung mit rein nehme, dann kann es ja auch sein, dass Optionen, die ich vorher ausgeschlossen hab, plötzlich doch wieder attraktiv werden, weil vielleicht ein Lieferant, der jetzt, muss ja nicht in Peking sitzen, der könnte ja auch in Bayern sitzen beispielsweise. Da könnte ich möglicherweise noch schneller hinfahren, mit dem ein Problem lösen, da kann ich vielleicht mehr Einfluss nehmen, der ist im selben Rechtsraum wie ich das sind vielleicht Punkte, die vor zehn Wochen noch nicht so relevant waren, die jetzt aber andere Optionen, die man damals abgelehnt hat, jetzt nochmal nach oben spülen können.

Ich hab gelesen, dass die Japaner da jetzt gerade einen ganz interessanten Ansatz fahren eigentlich, die schrauben die Automatisierung nach oben in ihren Fabriken, also Roboter und Automatisierung, das ist ja grundsätzlich erst mal, wir schieben die Effizienz nach oben…

…Ja. Auch die Resilienz übrigens, weil einem Roboter ist es ja erst mal egal ob Corona ist oder nicht.

Genau. Aber was ich interessant fand an diesem Artikel war, dass sie das nicht unbedingt machen, um die Effizienz nach oben zu bringen jetzt für den Moment, sondern um Abstand zu bringen zwischen die einzelnen Menschen in der Montage.

Ja.

Und in dem Ganzen, als klassisches pick & place, das heißt ich nehme was aus einer Box und lege es in die andere Box, das benutzt man natürlich im Versandhandel viel, da haben sie jetzt einfach an jeden zweiten Platz einen Roboter hingestellt, also das klingt jetzt sehr einfach, natürlich ist das mit viel Technik verbunden, aber das rentiert sich jetzt gerade in der Krise deshalb, weil man Abstand zwischen die Menschen bringt, da die Roboter sich eben nicht anstecken könne. Was ist deine Meinung dazu, sollte man das hier auch machen?

Also das Thema Automatisierung ist ja auch ein Klassiker inzwischen. Bevor es Corona gab, haben wir viel über Industrie 4.0 gesprochen, über Digitalisierung in der Produktion, über Automatisierung. Ich glaube auch, dass das ein ungebrochener Trend ist, also den wird’s weiter geben. Auch da glaube ich eben, dass der wiederum ergänzt wird um andere Dinge. Aber ich glaube sicher, dass das Thema Industrialisierung, dass das Thema Digitalisierung und dass das Thema Automatisierung uns weiter begleiten wird. Und dein Beispiel aus Japan ist ja ein guter Punkt, ich glaube das ist jetzt ein netter Nebeneffekt der Automatisierung, wenn ich nämlich jetzt sozusagen ein Arbeitsplatz durch einen Roboter ersetzen kann, habe ich diesen Vorteil gleich mitgewonnen, wenngleich das sicher nicht ausschlaggebend war, um das einzuführen. (lacht)

Sicherlich nicht, aber ich fand’s einen ganz interessanten Effekt, der jetzt da auftritt, wie so viele andere Effekte, wie beispielsweise, dass jetzt einfach global Home Office möglich ist und auch durchgezogen wird.

..ja, ich sag dazu immer die Unternehmen sind plötzlich zwangsagilisiert worden, wo man so sagt vor zehn Wochen wäre es völlig undenkbar gewesen, Abstimmungen per Video Call zu machen und wir haben jetzt angefangen, mehrere unserer Kunden zusammen zu schalten in so Austauschrunden, wo wir zehn Unternehmen zusammenschalten, in einer Videokonferenz, und die tauschen sich einfach aus, wie sie im Moment auf die Corona Krise reagieren, in ihrer Fabrik. Also was machen die ganz konkret, welche Maßnahmen haben sie umgesetzt, was hat geklappt, was hat nicht geklappt.

Hast du mal ein gutes Beispiel? Wo man sagen kann, das machen sie jetzt alle und hat sich als super herausgestellt?

Ja, wo ich wirklich tatsächlich begeistert war, das ist jetzt eine kleine Geschichte, aber hatten wir wieder so eine Runde und da sagte ein Unternehmer: ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll, ich will dass die Leute jetzt bei uns auch Zugang zu einer Alltagsmaske haben, diese Papiermasken, Einmal-Masken, ich kriege aber keine. Vor wenigen Wochen waren die ja auch noch ausverkauft. Und da sagt ein anderer Teilnehmer: ja, wir haben aber einen Lieferanten ich schicke dir gleich mal die Adresse zu. Und so konnte, ist nur ein kleines Beispiel, das einen kleinen Benefit bringen, dass die sich untereinander austauchen und ganz konkret ihre alltäglichen Probleme lösen. Ein Punkt der da für mich noch dahinter steht ist der: wenn ich vor zehn Wochen zu unseren Kunden gegangen wäre und gesagt hätte, wollen wir uns nicht mal eine Stunde mit zehn Leuten zusammenschalten, da hätten sieben gesagt, die Software haben wir nicht, zwei hätten gesagt das erlaubt unsere IT nicht und noch einer hätte gesagt, ich weiß überhaupt nicht wovon du redest. Und fünf Wochen später ist das einfach möglich. Und das meine ich mit ‚sie sind zwangsagilisiert worden’. Plötzlich müssen sie und dann geht’s auch.

Und vor allem ist es so, von jetzt auf gleich ist es auf einmal auch selbstverständlich…

…ja genau…

…also man macht das einfach und es wird nicht hinterfragt, dass es vor  1 ½ Monaten noch ganz anders aussah, spielt keine Rolle mehr.

Das ist denke ich auch etwas, was man sehen kann, auch über die Produktion hinaus. Ich glaube, dass das die Wirtschaftswelt verändern wird. Ich glaube, dass man eine Geschäftsreise antritt, um für ein 20-minutiges Gespräch nach Honolulu zu fliegen, weiß ich nicht ob man das in einer Nach-Corona-Zeit immer noch machen wird, weil viele eben erkannt haben: ich kann auch einfach einen Videochat machen und dann hab ich das Problem auch gelöst.

Und auch das ist natürlich wieder die Frage nach der Effizienz die dahintersteht und Kosten…

…absolut.

Und ich glaube auch, dass einige Unternehmen dabei sein werden, die auch einfach nicht mehr zurück wollen, weil sie erkannt haben so eine 20-minütige Konferenz kann ich auch ganz gut digital machen und brauche dafür keine zweitägige Reise.

Also das sehe ich auch, wir hatten das Thema Resilienz schon, ich glaub auch das Thema Digitalisierung wird einen Wahnsinnsboom erleben, da passt eben auch Automatisierung dazu in der Produktion. Ich hab noch eine dritte These wo ich glaube, dass das noch ein Thema ist, was zukünftig stark an Bedeutung gewinnen wird in der Produktion, aber auch in der Wirtschaft ganz konkret. Ich glaub, dass das Thema Nachhaltigkeit noch an Bedeutung gewinnen wird, ich sag auch mal warum. Ich hab nämlich gehört, das hat mich sehr nachdenklich gemacht, da hat jemand gesagt: guck mal wir merken doch gerade, wie schlecht es sich anfühlt, in so einer Krise zu sein. Was da mit uns macht. Und wenn wir jetzt keine Lust haben, die nächsten dreißig Jahre in einer Dauerkrise zu sein, dann müssten wir doch eigentlich die Art, wie wir arbeiten und die Art, wie wir Wirtschaft betreiben, die müssten wir doch eigentlich verändern. Und das fand ich aber irgendwie so als Vergleich sehr eingängig, also die Frage zu stellen: muss ich eigentlich andere Zielkoordinaten nochmal zufügen, also muss ich versuchen, auch in der Art wie wir produzieren, weniger Impact zu hinterlassen in der Welt? Ich glaube das wird auch nochmal ein neues Thema, das war ja auch schon von Corona da.

Aber es wird jetzt beschleunigt.

Das glaube ich sicher. Das ist zwar …

…ich gehe auch davon aus…

…in der Diskussion jetzt weg gerade, weil es andere Dinge gibt, die wichtiger sind, aber ich glaube das wird extrem wiederkommen, also die Frage, wie produzieren wir eigentlich und wie wollen wir eigentlich unsere Fabriken betreiben?

Ich finde, man sieht das gerade sehr, sehr schön an dieser Diskussion um das Thema Kaufprämie für Autos.

Mhm, stimmt.

Denn genau da wird ja gesagt: ok, wir brauchen diese Kaufprämie für Autos. Das wird ja aus verschiedenen Ecken gefordert, um die Wirtschaft da wieder anzukurbeln, aber die Frage ist natürlich nach dem wie…

…Genau.

…und da gibt’s einfach sehr, sehr viele, die sagen: Ja, wir wollen das Geld nicht einfach nur auf den Markt schmeißen und sagen, Leute kauft Autos, sondern wir wollen schon sehr gezielt steuern und sagen, das Ganze soll möglichst nachhaltig sein, also kauft vielleicht ein Elektro oder ein Plug-in-Hybrid oder einen Hybrid oder was auch immer, was natürlich dann die Technologie voranbringt, aber auch ein Stück weit nachhaltiger funktioniert als ein Verbrenner beispielsweise.

Richtig.

Also da wird ja intensiv gerade diskutiert.

Ich glaub auch wenn man mal guckt, was sind die großen Branchen in Deutschland, und da will ich jetzt keine diskreditieren, aber für mich ist auf jeden Fall die Automobilbranche dabei, gerade auch in Niedersachsen, aber da ist auch der Maschinenbau, Anlagenbau, Chemieindustrie. Also im Grunde sagt man ja oft, sind wir der Ausrüster der Welt. Und darin liegt ja auch eine wahnsinnige Chance wenn du es schaffst, „grüne Produkte“ zu haben, weniger Produkte zu haben, die weniger Energie verbrauchen, die weniger Material verbrauchen, die effizient betrieben werden können, dann können wir doch damit auch einen Innovationsvorsprung schaffen, der vielleicht eine Renaissance des deutschen Anlangen- und Maschinenbaus anbringt.

Tobias, ich glaube das war ein hervorragendes Schlusswort, also viel besser geht’s ja kaum. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg und ich hoffe, dass ihr euren Geburtstag, euren runden Geburtstag, noch zumindest irgendwie, und wenn’s nur virtuell ist, feiern könnt.

(lacht) Das hoff ich auch ja

Weitere Unterstützung und Informationen gibt es natürlich direkt bei der Digitalagentur unter www.digitalagentur-niedersachsen.de oder bei GREAN, wenn’s jetzt um Produkte und Produktionen von morgen geht

Genau, vielleicht noch eine Information dazu, unsere Adresse ist www.grean.de. Wir haben aber auch ein Themenportal geschaffen, wo wir uns um die Frage kümmern: wie können wie produzieren in Zeiten von Corona und das ist ganz einfach, das findet man unter grean.de/corona.

Das heißt da kriege ich alle Informationen, die ich im Podcast jetzt vermisst habe.

(beide lachen)

Genau.

Ich hoffe wir können durch die Veröffentlichung zur Entspannung der Lage beitragen und für neue Ideen sorgen und freuen uns natürlich weiterhin über Anregungen unserer Zuhörer. Wenn Sie einen Vorschlag für eine Podcast oder Fragen zu diesem oder einem vergangen Podcast haben, dann gerne eine Nachricht an fragen@nds.de. Und ja, Tobias, vielen Dank an dich, dass du uns heute einen Einblick in die Welt der Pandemie-freundlichen Fabrik von morgen gegeben hast und ich freue mich aufs nächste Mal zu unserem Podcast bei der Digitalagentur Niedersachsen. Vielen Dank.

Vielen Dank.

(Bild: tianya1223/pixabay)